Verdiente Klassenfahrt

Trotz einiger Hindernisse kann Lutz Rüstow schließlich doch 1958 an der Klassenfahrt nach Paris teilnehmen. Tief beeindruckt von Frankreich und Paris, sowie den vielen kleinen nationalen Eigenheiten kehrt er nach Hause zurück.

Das Saarland hatte sich 1955 in einer Volksabstimmung für eine Rückgliederung zu Deutschland entschieden. Die politische Vereinigung mit der Bundesrepublik erfolgte zum 1. Januar 1957. Vielleicht war es diese Entwicklung der Beziehungen zu Frankreich, die unseren Französischlehrer dazu bewegte oder mit beeinflusst hat, schon damals, im Jahr 1958, eine Klassenfahrt mit der Obersekunda nach Paris zu wagen.

Auf jeden Fall wurde die Rückkehr des Saarlandes zu Deutschland in vielen Kreisen positiv aufgenommen. Sie trug sicherlich mit zur schnelleren Annäherung beider Länder bei. Ich erinnere mich noch gut daran, wie über dieses Thema gesprochen wurde. Irgendwie wurden die Saarländer bei uns Schülern und Schülerinnen bewundert, dass sie sich trotz der Katastrophe des Krieges für Deutschland entschieden hatten. Generell war das Interesse an Frankreich in unserer Schule im osthessischen Schlüchtern sehr groß, denn im Kloster gab es ein Napoleon-Zimmer. Es hieß, dass Napoleon auf seiner Flucht aus Russland heimlich hier übernachtet haben soll. Für uns Schülerinnen war es dann eine Ehre, in diesem Zimmer Französischunterricht zu erhalten.

Als das Projekt einer Klassenfahrt nach Paris in der Klasse und mit den Eltern besprochen wurde, stellte sich natürlich die Frage nach den Kosten. Nun war das damals für manche Familien nicht so einfach, denn zu dieser Zeit gab es noch keine Unterstützung für eine Fahrt nach Frankreich und das Deutsch-Französische Jugendwerk war noch nicht einmal angedacht. Da es auch keine anderen Möglichkeiten der Unterstützung gab, mein Vater nach langer Arbeitslosigkeit gerade erst Arbeit gefunden hatte und somit meine Eltern nicht in der Lage waren, für die Kosten aufzukommen, musste ich in den Sommerferien arbeiten, um mir das Geld für die Fahrt nach Paris zu verdienen. So war ich stolz darauf, mir die Fahrt selber verdient zu haben. Doch der Schreck war zunächst groß, als ich zum Bahnhof kam und mir gesagt wurde, dass der Zug, mit dem ich zur Schule fahren musste, eine Stunde Verspätung hatte. So konnte ich meine Klasse nicht mehr erreichen und der Traum «Paris» schien vorbei zu sein. Enttäuscht machte ich mich auf den Weg nach Hause. An der Schranke standen drei Autos. Ich nahm mir ein Herz und fragte, ob sie in meinen Schulort fahren würden. Und, ich hatte Glück - und so kam ich noch rechtzeitig dort an, um mit auf die Fahrt gehen zu können.
Mit viel Aufregung ging die Fahrt in Schlüchtern los - über Frankfurt/Main in Richtung Saarland. Wie überrascht waren wir dann, als schon in Homburg/ Saar die französischen Zöllner in den Zug kamen, um das Gepäck zu kontrollieren. Wir konnten damals natürlich noch nicht wissen, dass die Zollunion mit Frankreich erst im Juli 1959 aufgehoben werden würde und erst danach die Kontrollen nach Saarbrücken/Forbach verlegt wurden.

Für heutige Schüler ist so ein Verhalten der Zöllner in der EU nicht mehr vorstellbar, denn inzwischen gibt es keine sichtbaren Grenzen mehr und die Generation des Krieges ist dabei abzutreten. Damals aber wurde alles durchgesehen, mit viel Misstrauen, auch die Koffer der Schülerinnen. Das war schon irgendwie gespenstisch, gegen Mitternacht, der Bahnhof hell erleuchtet - und die fremden Uniformierten, die mit strengen Blicken durch den Zug huschten.

Als es dann nach Frankreich hineinging, fiel auf, dass der Zug links fuhr, und ab Metz war die Strecke schon elektrifiziert, und der Zug fuhr schneller als in Deutschland. Das beeindruckte uns ganz besonders. Anders waren auch die Signale, die im Dunkeln andere Farben aufwiesen. Einen interessanten Halt gab es in Bar-le-Duc. Dieser wurde genutzt, um sich schnell ein Croissant zu holen. Und hierbei gab es die ersten richtigen Begegnungen mit der französischen Sprache und den Menschen. Noch heute sehe ich die Bahnhofsgaststätte im gelben Licht mit den damals für uns typisch-aussehenden Franzosen mit Baskenmütze und Zigarette.

In der Morgendämmerung ging es weiter durch das Tal der Marne. Die Nebel standen über den Wassern und durchfluteten die Wiesen und Wälder und tauchten alles in ein orange-rötliches Licht. Die ersten Sonnenstrahlen verwandelten die Landschaft in ein wunderbares Gemälde. Während die anderen schliefen, stand ich am Fenster und ließ mich von den Eindrücken und Farben verzaubern. Das war eine romantisch-impressionistische Begrüßung.

Am frühen Morgen kamen wir im Gare de l'Est an. Unser Lehrer brachte uns in unsere Unterkunft, das Hotel Durafour. Wir lagen zu viert auf einem Zimmer. Schnell wurden wir mit den Besonderheiten der französischen Kultur vertraut gemacht. So wunderten wir uns am Abend, dass das Bett so eigenartig war. Nur eine dünne Decke, und dann diese Rolle. Am nächsten Morgen kam die Bedienung und brachte uns das Frühstück. Sie brach in helles Lachen aus. Dann zeigte sie uns, wie so ein französisches Bett aussieht, und wie man gut darin schlafen kann.

Und dann ging das Besichtigungsprogramm los. Aufregend für mich war der Besuch des Museums Jeu de Paume im Jardin des Tuileries. Es war 1958 neu hergerichtet worden und stellte unter einer natürlichen Beleuchtung die Werke der Impressionisten aus. Noch heute sehe ich die Bilder, die mir schon beim Treppenabgang auffielen, und die mich an die morgendliche Stimmung erinnerten, die ich vom Zug aus erleben konnte, als wir immer näher auf Paris zufuhren. Diese Übereinstimmung der Landschaft mit den Farben der Bilder der Impressionisten hat mich bis heute begleitet. Inzwischen sind die Impressionisten in das Musee d'Orsay umgezogen.
Von dort ging es Richtung Louvre, nicht ohne sich vorher auf den Stühlen im Park auszuruhen. Doch es dauerte nicht lange, dann wurden wir aufgefordert, zu bezahlen. Das war uns fremd. «Chaise» 20 fr.
Unser Weg führte uns durch die Tuilerien zum Louvre, natürlich, um die Mona Lisa / La Joconde zu sehen. Da war uns viel erzählt worden. Damals konnten wir noch ganz nah an das Bild heran, sie fast berühren und ihren Atem spüren. Das war ein Erlebnis, das man heute, da das Bild in bester Qualität unter dickem Panzerglas verschwunden ist, so nicht mehr haben kann. Das überraschende Entdecken und die Wirklichkeit der Nähe sind heutzutage - leider (!) - ungleich schwieriger..
Abends sollten die Skulpturen mit der Venus de Milo im Louvre besichtigt werden. Da gab es für mich eine große Überraschung, denn ich durfte nicht mit kurzen Hosen ins Museum. Da mein Lehrer schon im Museum war, entschloss ich mich kurzerhand ins Hotel zurückzukehren und mich umzuziehen. Es gelang mir, noch rechtzeitig vor der Schließung, zurück zu sein. Es blieb mir kaum Zeit, aber - la Venus de Milo - habe ich noch bewundern können.
Insgesamt war das nationale Selbstbewusstsein der Franzosen überall zu spüren. Das war für uns neu. Ganz besonders fiel uns das im Dome des Invalides auf. In der Mitte stand le tombeau de Napoleon aus braunem Quarzit. Unser Museumsführer sprach beim Rundgang auf der galerie circulaire über Napoleon und in seinen Worten lag der Stolz seiner Nation. Seine ausdrucksvollen Worte ließen uns vor der „Größe" Napoleons verstummen.
Das Leben in so einer großen Stadt war für uns ganz neu. Zwar hatten wir schon dieses oder jenes gehört, wie das Rauchen der Gauloises oder das Trinken des Rotweins, aber es war dann doch ganz anders. Unser Lehrer versuchte, uns so viel wie möglich von dieser Stadt erleben zu lassen. Also war auch ein Besuch der Place Pigalle bei Nacht dabei.

Und so ließen wir uns gegen Mitternacht von den Lichtern des Moulin Rouge einschüchtern. Damals, 1958, da war es schon ein Wagnis für unseren Lehrer, uns um Mitternacht von den Menschen und Bildern im glänzenden Rot «beeindrucken» zu lassen. Jeder Schüler hatte eine Schülerin in dem für uns ungewohnten Gewühl zu begleiten.
Einmal erlebten wir am späten Nachmittag die Place de la Concorde im Autostau. Der ganze Platz war voller Autos und mitten drin stand ein Polizist mit einer Pfeife und bemühte sich, die Autos irgendwie in Bewegung zu halten. Auch zu normalen Zeiten - Ampeln gab es damals noch nicht - war das Überqueren des Platzes ein ungewohntes Erlebnis. Auf jeden Fall durfte man nicht stehen bleiben. Die Autos fuhren geschickt um die Fußgänger herum.
Faszinierend war für uns aus der Kleinstadt natürlich auch die Metro. Besonders beeindruckend waren die Portillons automatiques, große Tore, die sich schlössen, wenn ein Zug sich näherte, um so die Massen der Menschen, die auf den Bahnsteig drängten, zu trennen.
Aber auch die politischen Veränderungen des Jahres 1958 waren deutlich zu spüren. Nach dem Zusammenbruch der Vierten Republik, hervorgerufen durch einen Putsch der französischen Streitkräfte in Algier, in der Staatskrise vom Mai 1958 wurde de Gaulle von der Nationalversammlung zum Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister gewählt. In diesem Jahr trat dann auch die Verfassung der V. Republik in Kraft. Ich erinnere mich noch, wie ich vor Sacre Coeur stand - wir hatten die Kirche besichtigt - und ich von vier französischen jungen Männern angesprochen wurde. Sie waren mit den Entwicklungen sehr unzufrieden und sprachen schon damals darüber, dass de Gaulle Algerien aufgeben würde und dass viele Franzosen aus Algerien damit nicht einverstanden wären und dass es sicherlich zu Unruhen kommen würde. Dieses Gespräch ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Zum Glück haben sich die politischen Bedingungen nicht so entwickelt, wie es die jungen Männer prophezeiten.

Vielmehr kam es im Herbst 1958 zum ersten Treffen zwischen Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, und damit wurde der Weg zur deutsch-französischen Freundschaft eingeleitet.
Damals waren alle Gebäude in Paris noch grau. Dieses Grau gab der Stadt ein trauriges Aussehen. Aber es war schon ein Aufbruch zu verspüren. So wurden 1958 nach der Beseitigung der meisten Kriegsschäden die ersten Bauten in der Vorstadt La Defense errichtet, und wenig später wurde mit dem Reinigen der Fassaden in der Stadt begonnen.
Die Abschiedsbilder dieser Reise wurden durch das Musée Rodin geprägt. Die großen Skulpturen wie Le Penseur und Les Bourgeois de Calais waren beeindruckend und sind bis heute in Erinnerung geblieben.
1958, das war gerade erst dreizehn Jahre nach Kriegsende, hatten zum Glück nicht nur Lehrer den Mut, mit ihren Schülern nach Frankreich zu fahren, sondern viele junge Menschen stellten sich der Herausforderung, in das ehemalige «Feindesland» zu gehen, um den Grundstein für das Europa von heute zulegen.
Und das Jahr 1958 scheint dabei ein wichtiger Wendepunkt im Hinblick auf die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen und auch der Europäischen Union gewesen zu sein.
Und wir konnten sagen, dass wir Paris erleben durften aus unserer eigenen Neugier heraus, als Entdecker, unbeeinflusst von Filmen, Reportagen und subjektiven Beschreibungen. Und das entfachte wahrscheinlich unsere Begeisterung für Land und Leute, eine Begeisterung, die für mich zu vielen Erlebnissen und tiefen Freundschaften, die nun fast 50 Jahre währen, geführt hat.
Aber das sind wiederum ganz andere Geschichten.

Lutz Rüstow, Oktober 2012

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